Lesen im Inneren des Menschen, wahrnehmen zwischen den Zeilen und hervorbringen was im Verborgenen bleiben soll – seit jeher faszinieren mich die Geschichten hinter der Fassade einer Person. Wer ist der Mensch hinter dem Image?

Wenngleich Portraits zu den tatsachenbetonten Textsorten zählen, macht es dennoch einen Unterschied, ob Fakten nüchtern aufgezählt oder Details in bildlicher Sprache erzählt werden. Menschen interessieren sich seit jeher für andere Menschen. Für die Beweggründe eines Mörders viel mehr als für die Tat an sich. Für den Tagesablauf einer Bundeskanzlerin viel mehr als für ihre – manchmal – unbeliebten Entscheidungen. Für die Träume eines Sportlers, der nach einem Unfall nie wieder gehen wird können, mehr als für seine sportlichen Leistungen vor dem Unfall. In Portraits geht es um Gefühle, wenngleich Fakten erzählt werden. Der Unterschied liegt nur darin, wie der Journalist diese Fakten darstellt.

Um ein Portrait schreiben zu können, ist Aufmerksamkeit nötig und eine gute Beobachtungsgabe. Welche Kleidung trägt ein Interviewpartner oder wie trinkt er seinen Kaffee oder vielleicht am Vormittag bereits ein Bier? Bei welchen Antworten verändern sich die Augen des Gegenübers, welche Fragen führen zu welchen Gesten oder was ruft Abwehr hervor? Welche Leidenschaften liegen hinter seinem Tun und was treibt ihn an?

Umso mehr ich von einem Menschen weiß, desto farbenfroher kann ich ihn portraitieren. Seine Geschichte in meinen Worten erzählen. Andererseits bedeutet es nicht, dass jede Belanglosigkeit im Text vorkommt. Nur weil ich weiß, wie die Schuhe aussehen, bedeutet es nicht, dass die Leser das ebenfalls wissen werden. Relevant für den Text sind die Schuhe aber allemal – sie sind ein Puzzleteil und tragen dazu bei, das Gesamtbild zusammenzufügen.

 Nachruf

Nachrufe zählen ebenfalls zu den Portraits und somit zu den erzählenden Textsorten. Besonders ist hier aber, dass die einzelnen Puzzleteile noch behutsamer und mit noch mehr Fingerspitzengefühl zusammengesetzt werden.

Und es gelten beim Nachruf aus Pietätsgründen zwei Grundsätze:

Nichts ausgesprochen Negatives (außer es handelt sich um einen Diktator dessen Taten im Interesse des Zeitgeschehens auch im Nachruf zu erwähnen wären) und keine Gags (selbst wenn der Tote Komödiant war).

Wie schaffen es Journalisten, so schnell einen Nachruf zu formulieren? Diese Frage ist nicht unberechtigt, wenn zwischen der Meldung über den Tod einer Persönlichkeit und der Veröffentlichung oftmals gerade ein paar Stunden liegen.

Kein Journalist hat Bereitschaftsdienst.

Vielen mag es daher makaber erscheinen, dass Nachrufe bereits vorher geschrieben werden. Im Fachjargon heißen sie „Rumpf-Nachruf“ und eingefügt werden lediglich die Umstände des Todes. Für den Journalisten bedeutet dies ein ständiges Sammeln von Informationen, die saubere Pflege seiner Datenbanken und gelegentliches Umschreiben falls sich Relevantes ändert.

Meinen ersten Nachruf schrieb ich übrigens auf Joe Cocker. Nicht weil ich einen Auftrag dazu hatte oder aus sonstigen Gründen musste, sondern weil mich die Nachricht über seinen Tod betroffen machte und ich an seine Musik erinnert wurde. Besser gesagt an Momente, die von seiner Musik begleitet wurden. Ich musste die Worte für diesen Nachruf nicht suchen. Vielmehr prasselten sie aus einer Vielzahl an Sinneseindrücken, Gefühlen, Begebenheiten und Begegnungen mit anderen Menschen auf mich ein.

When the night comes, is the article already written.


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